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Textauszug

 

Kreuzkölln        

                            

  dry       im         Graefekiez

                    


 überarbeitete

neu  gestaltete Ausgabe                   


Kreuzkölln  Textauszug

 

   Kreuzkölln, auf der anderen Seite des Kottbusser Damms, bezirklich Neukölln, direkt angrenzend, ist im Kommen. Studies, Kreative und die, die sich dafür halten, denen der Graefekiez, aber auch der Wrangelkiez, inzwischen zu teuer ist, sind dabei die Straßenzüge am Neuköllner Kanalufer mit ihrer Anwesenheit aufzuwerten. Noch sind die Mieten dort deutlich günstiger, für Wohnungen und für Ateliers. Die Immobilienhaie sind aber auch dort schon aus den Startlöchern. Etwas tiefer rein nach Neukölln, nicht direkt am Kanalufer, dort, war sich C.Zack sicher, würde er günstigeren Wohnraum finden. Am Maybachufer und am Weigandufer gelang es, die dunklen und verqualmten Berliner Eckkneipen durch junge neue Pächter in helle Räume zu verwandeln. Das Getränkesortiment besteht nicht mehr aus Schultheiss, Futschi und Schnäpsen. Buletten werden nicht mehr angeboten. Das Publikum sind nicht mehr Malocher, die dort ihren Feierabend begießen. Die sind schon vor den Eckkneipen ausgestorben. Wie in den angesagten Ecken Kreuzbergs sind es die jungen Optimisten zwischen zwanzig und dreißig. Junge Mütter können dort mit ihrem Nachwuchs, ohne angemacht zu werden, ihren Latte schlürfen, nur eben billiger und weniger stylish als in Przlberg und anderswo. Ecke Lohmühlenbrücke gibt’s einen Skateplatz, gegenüber einen neuen Spielplatz, direkt neben dem Kanaluferweg. Der Weg erhielt neue schmiedeeiserne Geländer, richtig edel geht’s hier inzwischen zu.

 

C.Zack, auf der Holzbank am Neuköllner Schifffahrtskanal sitzend, schmunzelte in sich hinein, als er daran dachte, wie er vor Jahren mit seiner am Gummibund ausgeleierten Schlafhose kämpfte, während er versuchte, aus Eiern, Tomaten und Zwiebeln so etwas wie ein Omelett zusammenzuschütten. Es war fast Frühling hier am Kanal, es grünte, war deutlich wärmer geworden, der Winter war vorbei, was fehlte, war die Änderung in der Atmosphäre. Ein, zwei Grad fehlten noch an Wärme und sie würde spürbar sein, die Rückehr des Frühlings. C.Zack liebte den Frühling, je länger der Winter war, so ungeduldiger wurde er. Diesmal war der Winter besonders kraftvoll gewesen, schön und sehr kalt. C.Zack freute sich. Die neue Wohnung, das Zusammenleben mit Ute, der nahe Frühling. Er schmiss seine Kippe in den Kanal, ging über die Brücke zum Discounter. Fünfzehn Minuten dauerte es, bis er wieder auf der Bank saß, sich erneut eine anzündete. Während er kurz drüben auf der Treptower Seite war, hatte sich einer der Alkis bei der Bank eingefunden. Der stand am gusseisernen Geländer. Misstrauisch beäugte er C.Zack.

 

 In der Bürknerstraße ist die spezielle Neuköllner Mischung, türkischer Bäcker, türkischer Friseur, türkischer Juwelier, deutsche Eckkneipe, Lottoladen, Spätkauf und Leerstand, durch Modelädchen, die ihr eigenes Label betonen, ergänzt worden. Junge Kunst und junge Mode, ebenso wie in der Hobrechtstraße oder der Sanderstraße, im Reuterkiez. Eisläden, neue Kneipen, mit und ohne Kulturprogramm, mit oder ohne Musik, mit oder ohne Lesebühne, bedienen die netten jungen Leute, die inzwischen die Gegend bevölkern. Gleich  drei Buchhandlungen haben neu aufgemacht, im Reuterkiez. Noch sind es nicht ganze Straßenzüge, wie im Graefekiez, aber, es wird. Die Weserstraße ist in der Nacht nicht wiederzuerkennen. Hipper geht’s nicht. Die Szene ist dabei, sich auszuweiten. Es wird sich wieder amüsiert, in Neukölln, jung und frisch, nachdem jahrelang der Lack ab war. Neuköllner Modedesign etabliert sich nicht nur in den Sommermonaten am Maybachufer.

Richtig, programmmäßig, was los ist in der Neuköllner Oper in der Karl-Marx-Straße und im prächtigen Saalbau Neukölln. Die Konkurrenz, der Festsaal Kreuzberg, der Monarch, das SO 36, alle geben ihr Bestes, nicht abgehängt zu werden, vom vitalen Neukölln. Die Veranstaltungsorte sprießen wie Pilze aus dem Neuköllner Pflaster. Die Kreativen aus dem Graefekiez, und dem Rest der Welt, zieht es nach Kreuzkölln. Arrivierte drängen nach. Die Folgen sind vorhersehbar.

   dry im Graefekiez Textauszug

In den Achtzigern zur Schrittfahrtzone erklärt ist der Graefekiez mit seiner erhaltenen Bausubstanz, den vielen Bäumen und nicht zuletzt wegen des Landwehrkanals eine äußerst angenehme und deshalb auch schon immer eine beliebte Wohngegend gewesen,

Er wirkt wie ein Magnet, der Graefekiez, die kleinen Läden, die Restaurants und Kneipen zaubern zudem das Gefühl entspannter und friedlicher Lebensart in das Herz des zufälligen Besuchers. Teile der Körtestraße, der Fichtestraße, atmen dieselbe Atmosphäre. Gut versteckt, die Fontanepromenade, parallel zur Körtestraße verlaufend, könnte auch in Charlottenburg zu finden sein.

Bubi C.Zack, der Mann, der überall reinkommt, fingerte an seinem Hosenbund. Er war fast am flennen. Die Hose des Schlafanzugs rutschte, genauer, sie hing ungefähr auf halber Höhe zwischen Kniekehle und Arschbacke, und auch das nur, weil er mit weit gespreizten Beinen, in Hockstellung, die Hose mit der linken Hand  immer wieder einige Zentimeter hochziehend, vor dem Herd stehend, mit der Rechten die Pfanne haltend und sich bemühte aus Eiern, Zwiebeln und Tomaten so etwas wie ein Omelett, mit der ihm eigenen Rütteltechnik, zusammenzuschütten.

 

copyright Mike Ries

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